Peter G. Lieser | Campus-Projekt 2004-2007

Drei Jahre nach Skizzierung der Grundidee von einer "Campus-Triennale", der künstlerischen Befassung mit den drei "Feldern" der Johannes Gutenberg-Universität - dem Klinik-Campus, dem Kunst-Medien-Musik-Campus und dem Universitäts-Campus - geht die erste Phase des Projekts zu Ende. Zum Rundgang 2007 der Akademie für Bildende Künste präsentieren wir die vorliegende Dokumentation als Katalog einer in verschiedenen Schritten realisierten Ausstellung, die sich zukünftig im dreijährigen Zyklus wiederholen könnte.

 

Nach einigen universitären Reformen ist der Zeitpunkt günstig: Die Akademie für Bildende Künste ist, wie auch die Hochschule für Musik, innerhalb der Universität als eigene Institution und als einzige ihrer Art in Rheinland-Pfalz mit dem Auftrag zur Ausbildung zum gymnasialen Lehramt und in freier Bildender Kunst positioniert. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal und mit ihrem - nun sichtbaren - kreativen Potenzial konkurriert sie zunehmend öffentlich auf dem bundesweiten Feld der künstlerischen Forschung und Lehre. Vor Ort prägt sie wesentlich die Entwicklung des Kunst-Umfeldes der Stadt Mainz, und damit trägt sie auch zum Verhältnis von Stadt und Universität bei.

 

Derzeit erwartet die Johannes Gutenberg-Universität eine intensive Umbau- und Ausbauphase auf zehn Jahre, mit einem Bauvolumen von 330 Mio. €. Das wäre der Beginn eines offensiven Bemühens um Standortverbesserung im globalen Maßstab und ein wichtiges Signal der Landespolitik hinsichtlich des eröffneten Konkurrenzkampfes um Elite- und Excellenz-Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland.

 

Das Erscheinungsbild unserer Campusuniversität wäre, wenn man dem vom Senat 2003 beschlossenen Strategiekonzept folgt, wichtiger Baustein zur Imageverbesserung der Universität - die Akademie könnte ein kompetenter Partner im zukünftigen Gestaltungsprozess sein. Kunst nicht als Campus-Dekoration, sondern als Wahrnehmungs- Prozess mit offenem Ausgang verstanden, könnte dazu ermuntern, das übliche 3%-Kunst-am-Bau-Budget (im konkreten Fall von 10 Mio. € auf zehn Jahre) in die künstlerische Entwicklung des Campus fließen zu lassen. Es gezielt an Orte zu bringen, deren geschichtliche Spuren besondere sind, deren Räume Potenziale für Aufenthalt und tägliches Erleben haben, Orte, die in der Banalität des Alltags aus dem Bewusstsein verschwinden, die in Bewegung, im Umbruch und brachgefallen sind - künstlerische Interventionen also zur Pflege der ästhetischen Bewusstheit und damit produktiver Gegenpart von Funktion und Rationalität des Wissenschaftsbetriebes einer komplexen universitären Gemeinschaft.

 

Unser Campusprojekt, das sich mit diesen Themen auseinandergesetzt und künstlerische Werke für jene - intuitiv gefundenen - Räume hervorgebracht hat, sollte auch die zukünftige Realisierbarkeit einer zyklisch wiederkehrenden Ausstellung als ein Markenzeichen der Johannes Gutenberg-Universität testen. Künstlerische Forschung, Nachwuchsförderung und internationale Kontaktaufnahme - als erstes Projekt der Akademie vom Forschungsfonds der Universität unterstützt - wurden ermöglicht. Im einstelligen Promille-Bereich der oben erwähnten Kunst-am- Bau-Summe nicht üppig, doch zur Unterstützung der Grundidee ausreichend - Grund genug, uns in aller Form - und mit diesem Katalog - zu bedanken.

 

Nun hätten alle skizzierten Ideen, Themen und Förderungen keine Chance auf Realisierung erhalten, wenn nicht rund 30 Mitwirkende aus der Akademie, davon 25 Studierende aus sieben Fachgebieten der Bildenden Kunst auf ähnlich viele Unterstützende aus Verwaltung und Wissenschaft, darunter das vollständige Leitungsteam der Universität, getroffen wären. Dass die "Campi" ein weites Feld für die Kunst sind, war allen Beteiligten klar. Doch dass die Vielfalt der Abstimmungen im eigenen Haus so intensiv und komplex sein würden, war neben dem Erfolg des Entstehens und Vergehens der künstlerischen Arbeiten ein Erfahrungsgewinn.

 

Johannes Gutenberg, Industriekultur Mainz, Entwicklung Taubertsberg und Universitäts-Forum dienten in den letzten zehn Jahren u.a. als örtliche Kontexte für Gruppen- und Einzelarbeiten im Fachgebiet Umweltgestaltung. Studierende der Freiraumgestaltung der Universität Hannover bearbeiteten im Jahre 1999, in Kooperation mit Studierenden der Akademie, landschaftsplanerisch den Universitäts-Campus.

 

Brunnen am Forum mit einer Poolleiter
"Blaugrün", Installation, Bernd Kammer, 1999

 

Die Examensarbeit "Blaugrün" intervenierte mit künstlerischen Mitteln gegen die Mutation des leerstehenden Bürgerbrunnens auf dem Forum der Universität. Seit 2006 sprudelt er wieder.

 

Diese und andere Arbeiten und andere persönliche Engagements aus der Akademie waren Trittsteine zu unserem Campusprojekt. Von Mai 2004 bis Oktober 2006 befasste sich ein großes Team wechselnder Personen mit Inhaltlichkeit, Materialität und Gestalt der Universität. Studierende und Lehrende organisierten "Exkursionen" zu Fachbereichen, Gebäuden, Orten, man zog mit kompetenter Begleitung durch die Arboreten und Gewächshäuser des Botanischen Gartens, erkundete die Höhen und Tiefen des Philosophicums und genoss die kundigen Führungen in der Chemie, Physik, in den Kliniken, vom Keller bis zum Dach zahlreicher Gebäude, flanierte beschaulich, schlicht zwischen eiligen Campusnutzern, erklomm die Plattform des Flakturms und besuchte den neuen "Campus Westend" des großen Nachbarn in Frankfurt am Main.

 

Hunderte Photos entstanden, kleine Filme wurden gedreht an den Orten der eigenen Wahl, des eigenen emotionalen Verhältnisses. Mitten und Ränder, Rummel und Geheimnis, Winter und Sommer, Mensch und Masse, innen und außen. Viele mehrschichtige Worte, Gedanken, Ideen wurden gewechselt, getauscht und langsam in Gestalt geformt. Positionen reiften an Gegenpositionen.

 

Orte warben mit ihrem Potenzial zur Intervention. Natürlich das Forum, der Flakturm und Gutenberg waren gefragt, das Philosophicum, die grüne Wiese, die schäbigen Garagen, Bauverwaltung und Neue Chemie gerieten allmählich in den Blick über den Campus. Sport und Kunst - ein Novum. Das verlassene Pförtnerhäuschen, das leere Gewächshaus, der vergessene Schaukasten tauchten aus den 1000 Baulichkeiten des Campus auf. Der Botanische Garten, sonst am Rande, im Umbau begriffen, wurde zu einem Heimspiel für die Kunst - auch im Jahr 2007 wird sie sich dort zeigen.

 

Nicht alle Arbeiten wurden realisiert und blieben Konzept, sei es weil der Aufwand zu groß war bezüglich der bescheidenen Mittel, sei es aus Gründen von Wind und Wetter oder weil eine räumliche Umsetzbarkeit nicht ermöglicht werden konnte. Wenige Arbeiten sind nicht dokumentiert, mal waren die Autoren verschollen, mal ließ der begonnene Berufsalltag keine Chance auf Mitarbeit. Doch sollte die vorbereitende Gestaltung des Kataloges in den Händen der Künstlerinnen und Künstler liegen, und von dieser Spielregel sind wir nicht abgewichen.

 

Bleibt noch ein Dank zu sagen an alle Studierenden, die sich auf dieses vielsemestrige und großräumige - offene - Projekt eingelassen und sich für ihre Präsentationen und ihren Abschlusskatalog engagiert haben.

 

Internationale Kontakte wurden mit Akademien in Bratislava (Slowakei, das Künstler-Gastland der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main 2006), Yale Academy (USA), Central Academy Peking und University of Shanghai for Science and Technology (China) geknüpft. Sie waren - anfänglich als eher zufällige und persönliche Gelegenheiten entstanden - verbunden mit der Fragestellung nach ähnlichen Projekten, nach Möglichkeiten des Austauschs und der gegenseitigen Präsenz vor Ort.


"Saybrook Addition", Konzeptsimulation und Realisation, Peter Bannert und Derek Larson, Yale Academy Summer Sculpture Project 2006

 


"Night-Light", Lichtinstallation, 100 Jahre University of Shanghai for Science and Technology [Foto: Tanja Labs]

 

Sollte sich "Campus-Triennale" als zukünftig tragbares - professionell ausgestattetes - Programm für die Johannes Gutenberg-Universität herausbilden, bestünde jedenfalls die große Chance, ein internationales Kunstfeld für den Campus zu öffnen - eine interessante Herausforderung.

Peter G. Lieser

Peter G. Lieser

geboren 1946 in Saarbrücken

 

Prof. Peter G. Lieser lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Mainz / Studium der Stadt- und Regionalplanung, Technische Universität Darmstadt / Studium der Stadtsoziologie, J. W. Goethe-Universität, Frankfurt und University of California, Berkeley / Freiberufliche Tätigkeiten in Stadt- und Regionalplanung, Städtebau und Kommunaltberatung / Bis 1996 Geschäftsführer der GrünGürtel Frankfurt GmbH der Stadt Frankfurt am Main und Lehre an der TU Darmstadt, Fachbereich Architektur und Städtebau / Seit Oktober 1996 Hochschullehrer im Fachgebiet Umweltgestaltung, Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit | Freie Projekte GrünGürtel Frankfurt, Region-Rhein-Main: Route der Industriekultur, Hölderlin-Pfad, Regionalpark Rhein-Main / Forschungen zu: Landmarken und Raum (u.a. Sardinien), Verhältnis von Architektur und Bildender Kunst / Seit 2000 Fachberater im Gremium Architektur des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI

 

Kontakt | E-Mail | lieser@uni-mainz.de