Adam Löffler | Architekturmuseum

Man verliess die Stadt am geschicktesten mit der Bahn, die unvermittelt am südlichen Ende des Bahnhofs in einem Tunnel verschwand. Besonders bei Tage liebte Josef diesen Augenblick, wenn der Expresszug ins Dunkel des Tunnels Fahrt aufnahm und die mehrsprachige Begrüssung der Fahrleitung einen weit entfernten, nächsten Halt ansagte. Wenn Josef am Ort bleiben musste, weil es die Umstände erforderten, blieb er darüber hinaus ungesellig, nahm nicht am öffentlichen Leben teil und tat so, als sei er weggefahren wie immer. Seine Arbeit war die Inspektion des universitären Campus, für die er auf Zeit eingestellt war, und diente der Sammlung von Material über die mittlere tägliche Verweildauer von hochmotivierten Personen des Lehr- und Lernbetriebs in der Hochschule. Als Zentrum ihrer Verwaltung diente eine ehemalige Flakkaserne mit Geschützturm, durch dessen breit gewölbtes Eingangstor man als Besucher über einen Forum genannten Innenhof gehen musste, bevor alle Einrichtungen des sogenannten Campus erreicht wurden, die sich seit dem Ende eines Krieges auf dem alten Kasernengelände ausgebreitet hatten. Vom alten kommunalen Friedhof mit Krematorium zur Stadt hin abgeriegelt, und durch eine tiefergelegte Stadtautobahn im Osten seitlich uneinnehmbar, war das riesige Areal von Bahnhof und Innenstadt unmotorisiert nur über einen befestigten Weg unweit neben der grossen Ausfallstrasse zu erschliessen, der an mehreren Ampelanlagen einer grossen Strassenkreuzung vor dem Haupteingang der Universität endete. Vergeblich hatte Josef den Campus nach freundlichen Orten der Zerstreuung abgesucht, wie sie jede ernsthafte Stadtplanung für solche Bereiche vorsieht, aber in einem hauspolitisch korrekt verteilten Kataster zur Sicherung der Freiheit von Lehre und Forschung fand sich kein See, kein Schwan, und der einzige Springbrunnen auf dem Forum war aus Kostengründen abgestellt. Die Lehrenden und Lernenden verloren keine Zeit, sie durchschritten jeden Tag das Eingangstor der Flakkaserne so geschäftig wie ihre Verwalter. Es war kein Unterschied zu der gleichgültigen Hast an irgendeinem andern Ort des beruflichen Fortkommens zu erkennen, so als übten sie bereits nichts anderes als das unvermeidlich professionelle Selbst in der irritierenden Vielfalt akademischer Refl exion. Einige Bänke gab es zwischen den systematischen Rabatten des Botanischen Gartens, in den nach Kontinenten unterteilten Arboreten der nördlichen Hemnisphäre, und vor den lieblos auf die Wiese gestellten Tischen etlicher Restaurationsbetriebe mit unterschiedslosem Angebot. Die zusammenhanglose Substanz des Viertels ähnelte schliesslich den Gebieten, die Gemeinden häufig als Gewerbezonen ausweisen, wenn sie ihre Steuereinnahmen erhöhen und Arbeitsplätze schaffen müssen. Auf solchen Flächen werden bestimmte Bauvorschriften zugunsten neuer Investoren meist lockerer gehandhabt als in anderen Baugebieten, denen eine städtische Planung sonst über die Festlegung der Entwicklung der Höhen, rigider Ausnutzungskoeffizienten und besonderer Materialien so etwas wie ein Gesicht zu geben versucht. So konnte man den stetig gewachsenen Raumbedarf der Hochschule in der bis in die vorstädtischen Wiesen und Obstgärten reichenden Reihenfolge vergangener Architekturmoden verfolgen. Nirgends sah man ausserdem die kleinste ästhetische Entsprechung des neulich stolz vorgestellten neuen Leitbildes der Universität. Eine gewisse Mattigkeit im Ausdruck schien von den Gebäuden der zusammengewürfelten Anlage auszugehen, als hätten alle defizitären Haushaltslagen eines halben Jahrhunderts nacheinander jede individuelle bauliche Expressivität gedämpft, und am Belanglosen nivelliert. Josef fühlte sich wie in einer muffigen Sammlung von Baustoffen und Architekturen, wie sie als originale Substanzen der Geschichte gemeinhin von Heimatmuseen gehortet werden, um Kindern vorzuführen, wie man früher gelebt und gearbeitet hat.

 

An bestimmten Gebäuden entdeckte Josef Veränderungen, die in einem seltsamen Missverhältnis zu dem ursprünglich gebauten Entwurf standen. Auch spürte er, dass ihn die Erscheinung etlicher Bauten so anzog wie sie ihn bei anderen automatisch abzustossen schien, was er sich gewöhnlich mit einer lebenslangen professionellen Übung in der Auswahl guter Objekte erklärte. Besonders die allertypischsten Architekturen ihres jeweiligen Baujahrganges fielen so augenblicklich durch, weil sie niemals einen selbständigen Entwurf repräsentierten, sondern die haltloseste Anpassung an den modischen Zeitgeschmack abbildeten. Josef versuchte, diesem Verhältnis zwischen der im Grundriss vorgesehenen Nutzung des Gebäudes und seiner aktuellen Beschaffenheit beizukommen. Die Entwicklung der bepflanzten Innenhöfe und Abstandsflächen zu anderen Gebäuden konnte als eingewachsen bezeichnet werden, Bäume und Sträucher nahmen sie auf eine Weise ein, dass keiner so recht wusste, ob man es dem Genius des Planers oder dem Fehlen des inzwischen eingesparten Gärtners zu schulden hatte, dass manches so glücklich zusammenkam. Andererseits produzierten Grünteppiche unablässig Abstandsgrün zwischen schlicht erfülltem Raumbedarf auf voll genutztem Areal, und wiesen in ihrer Gemeinheit schon von weitem auf eine kurzerhand befriedigte Notdurft hin. Je genauer Josef seine Entdeckungen an den Gebäuden verglich, desto aufmerksamer wurde er gegenüber der schleichenden Veränderung der Substanz insgesamt, und bekam einen neuen Begriff von Zeit.

 

Josef wusste, wie hilflos Neubauten auf ihrem verletzten Grund stehen, und was Architektoren alles erfinden konnten, um die Zeit des Einwachsens zu überbrücken. Schnell kletterndes und kriechendes Pflanzengrün war immer beliebtes Füllmaterial zwischen formlosen Fassadenabständen gewesen, in denen sich vereinzelt gekonnt plazierte Essigbäume und japanische Zierahörner verzweigten. Falls nicht trockene Sommerperioden oder gärtnerische Irrtümer diese Anlagen lange vor ihrer geplanten Wirkung vernichteten, kümmerte man sich erst wieder um sie, wenn Jahrhundertstürme periodisch die schöne Verholzung der Baumkronen verstümmelten. Bis dahin glichen solche Pflanzungen grünen Wohnzimmern, sie hatten etwas eigenartig Liebenswürdiges und schienen fälschlich schon aus der Entfernung auf die von Josef gesuchten Orte hinzuweisen. Drinnen musste sich schon gleich nach Einzug der Büromenschen alles geregt haben, dem würdevollen Ereignis neuer Raumerfahrung durch Einrichtung zu entkommen, mit einer Phalanx von Topfpflanzen alle Dimensionen zu zerfetzen, und die ersten Postkarten vom Urlaub der Kollegen auf den Stellwänden anzupicken. Keine Form blieb davon verschont, so als müssten die besten Ideen erst einmal den Sott alltäglichen Einerleis übergezogen bekommen. Er irrte sich, wenn er bis dahin angenommen hatte, es handele sich um zufällige lokale Dummheiten autokratischer Institutsleiter, ihrer ferngesteuerten Verwaltungen oder allfälliger anderer, feuerpolizeilich oder ordnungsamtlich verfügter Eingriffe. Es waren die Gemütlichkeiten aller jemaligen Bediensteten, ihre Arbeitsplätze immer wieder aufs Neue zu vergrösserten Kaffeeküchen zusammengelegt zu haben, ihre Lieblingspflanzen zu ungeahnt grossen Raumteilern zu züchten, und Beschriftungen von Raumlegenden in den Fluren in "Anmeldung Zimmer 433" zu verändern, um Zimmertür 432 verschlossen zu halten. Die Wirklichkeit sah Josef diesmal nicht mit der nonchalanten Erfahrung des Zeitreisenden, sondern als engagierter Flaneur, dessen Verstand von der Sache gleichzeitig peinlich genaue Bilder in seinem Kopf verursachte, die Erinnerung möglich machten. Ob deren Ästhetik ihn abstiess oder nicht, er musste ihre Wirklichkeit selbstverständlich auch an den unterschiedlichen Verlautbarungen öffentlicher Körperschaften messen. So hatte er in einem Zeitungsbericht über süddeutsche Grabungen in den Ruinen der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP gelesen, dass das zuständige Landesdenkmalamt keine Auflagen für den Bau des geplanten NS-Dokumentationszentrums gemacht hat, da die Erhaltung des Denkmals aufgrund seiner historischen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegen müsse, diese Bedeutungsschwelle jedoch nicht überschritten sei. Unabhängig davon hatte das hiesige, für die Flakkaserne auf dem Campus zuständige Landesdenkmalamt dessen Fassade als originale Substanz für denkmalwürdig erklärt, als ein künstlerisches Projekt im Forum der Kaserne bauliche Veränderungen erwarten liess.

 

Auf dem Campus fand Josef erst allmählich zu einer Aufmerksamkeit gegenüber der allgemeinen Verrottung ehemals in jeder Einzelheit mehr oder weniger gut gelöster Baulichkeiten. Die antizyklisch verschmerzte Gleichgültigkeit vor der unappetitlichen Öffentlichkeit gebauten Drecks musste sich erst in Interesse verwandeln, einer deutlichen Annäherung weichen, und dabei bis in die unangenehme Pflicht der Einlassung genau werden. Josef stahl sich die Zeit für den Blick des Zeichners, etwa auf jene unter strenger staatsbauamtlicher Aufsicht neulich renovierten Exemplare, deren einstige Architektur vor allem dann nicht wiederzuerkennen war, wenn man den Helden der Feuerpolizei ängstlich freie Hand gelassen hatte. Mit demselben Respekt überliess man auch die drängenden Bedürfnisse von Frauenbeauftragten und Behindertenvertretern selbstverständlich und ohne Frage den ausführenden Technikern, die unter der Oberleitung vertraglich engagierter freier Architekten ihre monströsen Applikationen kreuz und quer an ehedem klarste Gebäudestrukturen klebten. An stumpf gewordenen Knäufen, Briefkastenklappen und Handläufen aus Messing, und den seit Jahrzehnten mit den immer neuesten Putzmittelprodukten falsch behandelten Natursteinböden schien sich die Gleichgültigkeit anonymer Nutzer in ihren rentablen Funktionsräumen förmlich zu manifestieren. Die durch Reinheitsprodukte ersetzte Pflegetätigkeit hatte die Eigenschaften des Materials durch hunderte Schichten gedankenlos applizierten Glanzes ersetzt, und den halb angelösten Dreck in die unzugänglichen Ecken aller Verbindungen und Raumenden verschoben, wo unverschiebliche Blumenkübel jede Wahrnehmung behinderten. Dort bildeten sie, zumindest für die Verweser einschlägiger Immobilienabteilungen, ein physikalisch wie chemisch seltsames Konglomerat unantastbarer Patina, von welcher man vor allem Denkmalschützer fernhalten musste, bevor man die originale Substanz durch selbstreinigende Strukturen und Produkte ersetzte. Die ästhetischen Gemeinheiten dieser Verrottung wurden schon durch die sinnfälligsten Vorschläge zu irgendwelchen räumlichen Verbesserungen notorisch, und konnten, wie immer einzeln unbemerkt, aber in Gänze betrachtet im Nu aus einem preisgekrönten Wettbewerbsentwurf einen Abtritt machen, eine demokratische Bedürfnisanstalt zur Gewinnung und Absicherung aller Pfründe. Konnte ein Fachgebietsleiter über Jahrzehnte Kreuzungen interner Verkehrswege gegen alle Vorschrift mit seinem Bedarf an Lagerung und ambulanter Bearbeitung von Material behindern, bekam er die ausdauernd blockierten öffentlichen Flächen bei der Gelegenheit einer Renovierung zugesprochen, deren spezielle feuerpolizeiliche Auflagen gleichzeitig wichtige Achsen der Erschliessung des Gebäudes mitsamt seiner Ästhetik nachhaltig zerstörten. In einem Hochhaus der Universitätskliniken geriet Josef in ein schon vom Entwurf her vernachlässigtes Treppenhaus, das neben den Aufzügen als Fluchtweg verkam. Es diente vor allem den Rauchern als Zugang ins Freie eines das Gebäude umlaufenden Laubengangs, und enthielt auf den ungestrichenen Sichtbetonwänden des Treppenschachts die Filzschreiber-Insignien heimlicher Lieben und Leiden, samt einschlägiger Telefonnummern.

 

Josef dachte an die Grossspurigkeit seiner eigenen frühen Entwürfe, an die Arroganz imperativer Einrichtungen, deren gewollt ausschliessliche Ästhetik nur von den allerwenigsten Bauherren überhaupt verstanden wurden. Man leistete sich ein signiertes Original des Schöpfers als Markenzeichen, aber die Hausnummer, der Briefkasten am carport und die Gartenwegbeleuchtung waren verschnörkelter, eloxierter Schrott aus dem Baumarkt. Erstaunlicherweise zeigten oft die sensibelsten Vertreter anspruchsvoller Kulturarbeit weder Interesse noch Bedarf an einer, von Josef immer vorausgesetzten Entsprechung ihrer speziellen Empfindungsfähigkeit in den einschlägigen Berufen, und der feineren Ausgestaltung ihrer persönlichen Umgebung. Während Josef von Entsetzen gepackt wurde, wie der Pfarrer Brewelmann über Zeiten hinweg seine Empfindsamkeiten in den geschmacklosesten Pullovern öffentlich machte, erbärmliche Strickgebilde, deren verbrecherische Ornamentik in ihrer Beliebigkeit genau das Gegenteil der Klarheit seiner Rede darstellten, schien das die wenigsten seiner Zeitgenossen zu stören. Wenn Künstler den schwarzen Trauerhabit zur ewig untadeligen, korrekten Sippentracht machten, hatte das eher mit der rigorosen Vernachlässigung der zeitaufwendigen Auswahl zueinander passender, mehrfarbiger Kleidungsstücke zu tun als mit einem vermuteten sicheren Geschmack, den sie natürlich ebensowenig besassen wie Brewelmann. Selbst die Bohème-Variante einer extrem wilden Garderobe bewies in ihrer Schrägheit nicht so sehr die Originalität ihrer Auswahl, sondern nichts als die nihilistische Rotzfrechheit ihrer infamen Grundhaltung, ausschliesslich stets neu sein zu wollen. Dabei haben auch alle Architekten immer gewusst, welchen Lebensgewohnheiten sie selber am liebsten aufsitzen, dass also die stetige Veränderung das immer ganz Neue sofort wieder aufhebt, und Josef fragte sich, ob das ästhetisch Aussergewöhnliche jemals etwas anderes gewesen sein konnte als die brutalste Selbstverwirklichung einiger Egomanen.

 

Vielleicht musste man den ausgefeilten Grundrissen des Campus und ihrer Höhenentwicklung etwas Rituelles zuschreiben, um ihre schon nach Fertigstellung verblichene Mode zu verstehen, eine Aufteilung der Funktionen in die Aufnahme des Publikums, und seiner zwangsweisen, logistischen Verteilung. Hatten die Vorplätze und Lobbys der Institute noch die Dimension des sogenannten repräsentativen Charakters, waren hofseitig begrünt oder mit metaphorischen Plastiken mediokrer Künstler geschmückt, so stellte man spätestens vor den Treppenanlagen zur Erschliessung der oberen Ränge fest, dass es um das Verteilen in die Funktionsräume ging, und der Schwund an Räumlichkeit und formaler Qualität begann. Auf diesen Hühnerleitern, mit ihren aus Profilstahl erbärmlich verbratzelten Geländern, in den auf das Minimum reduzierten Steigungs- und Auftrittsmaßen gelangte man geschossweise über die in der einschlägigen, Neufert´schen Bauentwurfslehre angegebenen Flurbreiten sogar in den Keller der Institute, in denen nichts anderes als Hasenställe als Seminarräume ausgewiesen waren.

Eines der Institute lernte Josef besonders gut kennen, als er dort neben seiner Inspektionstätigkeit eine koordinierende Funktion zwischen dem Bauherrn und der öffentlichen Hand übernahm, die für die Sanierung des heruntergekommenen Gebäudes zuständig war. Das Haus lag wie ein gestrandetes Schlachtschiff am Hang einer entrüsteten linksrheinischen, ehemaligen Befestigungsanlage zwischen Campus und Stadt, es bestand aus weitläufig an der Böschung gestaffelten Oberdeckflächen auf drei Etagen, war durch die vier haushohen, zentralen Ateliers mit Sheddächern in der Höhe abgesetzt von dem flach in die Wiesen gehenden Untergeschoss, und wurde dominiert von einem nach Südwesten an einer Längsachse aufgehängten Hörsaalkubus mit Verwaltungstrakt. Entlang der riesigen Feuerwehrrampe diente ein Hausmeisterpavillon als eine Art Scharnier zwischen den Funktionen. Etwas Bestimmtes an der Art dieser grosszügigen, ganz und gar unökonomischen Anlage war Josef schon seit dem ersten Tag seiner Arbeit in der Anstalt vertraut gewesen, und als sich herausstellte, dass die äussere Form auch inwendig wiederzufinden war, und man sich ohne jeden Wegweiser auf dem Schiff zurechtfinden konnte, falls man nur die bereits beim Ankommen ausgebreitete Organisation der Massen recht verstand, schloss Josef den Bau in sein Herz wie all die anderen Bilder aus den versteckten Höfen des grossen Campus, in denen die Farben des Indian Summer für seinen Blick alles einlösten, an das ihre Architekten beim Entwerfen gedacht haben mochten.
Von solchen Eindrücken gab es allerdings nur wenige, und mit der Ausnahme einer räumlichen Eindringlichkeit, mit welcher Rampen und Treppen und ihre Schatten zwischen massiven Brüstungen aus geschaltem Beton auf Terrassen und Plätze und Höfe hin oder wegführten, tat Josef sich schwer, irgendetwas liebenswürdiges, vielleicht freundliches in dieser Architektur zu finden, das seine Sympathie erklärt hätte. Er erinnerte sich an einen seiner Lehrer, der in seiner wöchentlichen Korrektursitzung immer wieder auf die unerbittliche Geradheit von Josefs Entwurf zu sprechen kam, dessen Unnahbarkeit jener des fraglichen Instituts bis aufs Haar ähnelte. Der Lehrer sprach genau von den Eigenschaften dieser Attribute in den Bauformen, die Josef jetzt hinreissend gefunden hatte, und von denen er niemals wusste, wie sie denn einfach zu entwerfen seien. Damals schien es so, als könnte er nur über einen zunächst verehrten, dann nachgemachten Stil die heillose Verwirrung seiner Zuwendung an eine Bauaufgabe in eine nachprüfbare Ordnung bringen, um allerlei Schnörkeln und Kauzigkeiten zu entgehen, die man gemeinhin für gestalterische Liebenswürdigkeit hält. Falls ein bestimmtes Alter sich mit der Gabe neugierigen Gespürs kreuzte, fiel mancher Groschen vor dem bescheidensten Werk, und bis in den Ausklang seiner albernsten Pirouetten wusste man plötzlich Bescheid über alle Irrtümer, doch kaum je war man alt genug zu wissen, was man tat. Das fehlte Josef.

 

Aus: Adam Löffler, Josefs Baustelle/Dreck/Architekturmuseum Manuskript, © A.L. 2007

Adam Löffler

Adam Löffler

geboren 1944 in Offenbach/Main

 

Lehre als Modellschreiner / Studium, Ing.(grad.) Hochbau, Berufspraxis als angestellter Architekt, freier Fotograf und Designer, Journalist und stellv. Chefredaktor in Architektur-Fachzeitschriften / Mehrere Jahre Aufenthalt in Paris: Entwurf und Ausführung von Möbel-Unikaten; plastische Arbeiten/ Gründung des "Generalsekretariats für Genauigkeit und Seele" in München / Lehrauftrag Möbelbau am Fachbereich Innenarchitektur der FH Rosenheim / Förderpreis für Angewandte Kunst der Stadt München / seit 1983 Professor für Holzgestaltung an der Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz / 94 - 97 Umbau eines denkmalsgeschützten Hauses zu Wohnzwecken; lebt in Augsburg
Ausstellungen seit 1976 im In- und Ausland

 

Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit | Gerät, Gefäss, Objekt

 

Kontakt | Homepage | www.adam-loeffler.de | E-Mail | adam@adam-loeffler.de